Warum Führung heute vor allem Entscheiden bedeutet
Unsicherheit ist zum Grundrauschen geworden – in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Für Unternehmen heißt das: Orientierung entsteht weniger durch Pläne, sondern durch Entscheidungen.
Und genau hier beginnt Führung jenseits von Regeln: Dort, wo Situationen neu, komplex oder widersprüchlich sind – und wo Policies nicht mehr „automatisch“ die Antwort liefern. Führung heißt dann nicht, Prozesse sauber abzuarbeiten, sondern zu interpretieren, abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen.
Genau in diesen Situationen verdichtet sich Führung auf eine zentrale Handlung: Entscheiden.
Im Kern heißt Entscheiden: Ambiguität aushalten, Richtung vorgeben, Verantwortung tragen. In komplexen Umfeldern liegen selten „alle“ relevanten Informationen vor, um eine Entscheidung komplett abgesichert zu treffen. Die Suche danach erweist sich schnell als Fass ohne Boden: Mehr Daten, mehr Stakeholder, mehr Abhängigkeiten – aber selten der Moment, an dem es vollständig analysiert ist.
Gerade deshalb braucht es Führung, die den Absprung schafft: Vom Sammeln zur Risikoabschätzung – und von dort zur Verantwortungsübernahme und Entscheidung.
Und diese Verantwortung ist real – im Guten wie im Schlechten. Wer entscheidet, setzt auf eine Option und akzeptiert, dass er gemeinsam mit dem Unternehmen auch verlieren kann. Das ist kein abstraktes Risiko, sondern fordert Führungskräfte persönlich heraus: 85 % der Manager berichten, im Zusammenhang mit wichtigen Entscheidungen unter erheblichem Stress gestanden zu haben; ebenso viele bereuen mindestens eine im vergangenen Jahr getroffene Entscheidung. Entscheiden ist damit nicht nur kognitiv anspruchsvoll, sondern auch physisch und emotional belastend.
Hier entsteht das zentrale Alltagsdilemma moderner Führung: Die als asymmetrisch erlebte Kosten-Nutzen-Verteilung einer mutigen Entscheidung. Während der potenzielle Nutzen einer Entscheidung organisational geteilt wird und viele Gewinner hat, konzentriert sich das Risiko des Scheiterns gefühlt stärker beim Entscheidenden. Das kann zu Zögern verleiten, dann Fehlentscheidungen sind sichtbar, Nicht-Entscheiden selten eindeutig zurechenbar.
Verantwortung zu übernehmen ist damit nicht neutral, sondern belastend. Sie bedeutet, sich exponiert festzulegen, Unsicherheit auszuhalten und eine asymmetrische Verteilung von Nutzen und Risiko zu akzeptieren. Genau das macht Entscheiden im Führungsalltag so anspruchsvoll – und erklärt, warum Risikoaversion und Aufschieben so verbreitet sind.
Interessanterweise kann externer Druck dieses Dilemma teilweise auflösen. Wenn Märkte kippen, Kosten explodieren oder alte Geschäftsmodelle erkennbar nicht mehr funktionieren, schrumpft der Entscheidungsraum. Optionen fallen weg, radikale Vereinfachungen werden nötig – und Nicht-Entscheiden ist plötzlich keine Option mehr.
Die Covid-19-Pandemie hat dies deutlich gezeigt: In kürzester Zeit wurden Entscheidungen getroffen, die zuvor als undenkbar oder zu riskant galten. Wenn entschieden werden muss, können Organisationen entscheiden. Verantwortung wird in solchen Situationen kollektiver legitimiert – die Lage „zwingt“. Mit dem Abflauen des äußeren Drucks kehrt jedoch häufig der alte Modus zurück.
Genau darin liegt die eigentliche Führungsherausforderung: Entscheidungskraft nicht nur im Ausnahmezustand, sondern auch im Normalbetrieb systematisch zu ermöglichen. Warum das im Alltag so schwerfällt, zeigt sich im nächsten Schritt.
Wie Führungskräfte und Organisationen Entscheidungskraft erhöhen
Methodische Hebel: Einfache Logik statt perfekte Sicherheit
Informationsflut führt zunehmend zu Analyse-Paralyse – insbesondere dort, wo viele Beteiligte gute Gründe haben, Entscheidungen „noch kurz“ weiter zu prüfen, abzusichern oder zu vertagen. Was als Sorgfalt beginnt, endet nicht selten in Verzögerung.
Aktuelle Studien zeichnen ein klares Bild: 64 % der C-Suite-Executives geben an, dass Entscheidungsfindung heute komplexer ist als je zuvor. Rund 49 % berichten, dass Entscheidungen in ihrem Unternehmen zu lange dauern, und viele räumen ein, große unternehmerische Entscheidungen so lange aufgeschoben zu haben, bis das Zeitfenster verstrichen war. Gleichzeitig geben 54 % an, eine bedeutende unternehmerische Entscheidung im Nachhinein zu bereuen (Decision Dilemma Global Study, Oracle Analytics, 2023).
Die Zahlen machen deutlich: Das Problem ist selten mangelnde Analysefähigkeit – sondern das Fehlen einer klaren Entscheidungslogik, die hilft, Komplexität bewusst zu reduzieren und den Absprung von Information zu Entscheidung zu finden. Hilfreich sind zwei einfache Prinzipien:
- One-way vs. Two-way doors (Bezos, 2016): Irreversible Entscheidungen (z. B. Fabrik bauen) gründlich prüfen; reversible (z. B. Feature testen) schneller treffen und nachjustieren.
- 70%-Regel (Bezos, 2016): Bei vielen Entscheidungen reicht ein belastbarer Informationsstand – warten auf 90% macht zu langsam.
So wird Entscheiden zu einem Prozess: Hypothesenbasiert, risikoabgewogen, lernfähig – statt perfekt.
Strukturelle Hebel: Klarheit, wer entscheidet
Auch mit klarer Entscheidungslogik bleibt Entscheiden in der Praxis häufig stecken. Wo Zuständigkeiten, Entscheidungsrechte oder Verantwortlichkeiten nicht eindeutig geregelt sind, kann Unsicherheit und Paralyse in formale Fragen verlagert werden – Entscheidung werden vertagt, ohne sie offen zu verweigern.
Wer darf was entscheiden – und wer trägt am Ende die Verantwortung? Wenn das unklar ist, entstehen Gremienschleifen, Absicherungsrunden und Verzögerungen. Wenn das unklar ist, entstehen Gremienschleifen, Absicherungsrunden und Verzögerungen. 40% der befragten Führungskräfte nennen komplexe Organisationsstrukturen sowie unklare Rollenanforderungen und Verantwortlichkeiten als Hauptursachen für Ineffizienz – was Prozesse, inklusive cross-funktionaler Projekte, signifikant verzögert (Vom Schock zur Chance, McKinsey, 2023)
Konsequenz: Weniger Gremien, mehr Ownership. Ein klares Entscheidungsdesign reduziert Reibungsverluste – und entlastet Führungskräfte, weil nicht jede Entscheidung „politisch“ werden muss.
Kulturelle Hebel: Verantwortung tragfähig machen
Struktur und Methode bringen Tempo – aber ohne ein tragfähiges Umfeld bleibt das persönliche Risiko hoch und die Risikoaversion gewinnt. Deshalb muss auch die kulturelle Seite berücksichtigt werden.
Drei Aspekte sind entscheidend:
- Psychologische Sicherheit & Lernkultur: Blame-Kulturen verlangsamen Problemlösung; Teams mit hoher Sicherheit entscheiden schneller und besser (Gallup 2024).
- Disagree & Commit: Widerspruch zulassen – und nach der Entscheidung geschlossen handeln.
- Klare Trennung der Ebenen: Eine reflektierte, risikoabgewogene Fehlentscheidung ist etwas anderes als Nachlässigkeit. Persönliches Risiko ≠ Business-Risiko – und diese Unterscheidung muss im Alltag erlebbar sein.
Was gute Führung durch Entscheidungen bewirkt und warum Tempo am Ende zählt
Wenn Führung Entscheidungen gut gestaltet, entstehen drei Effekte:
Orientierung & Priorisierung
Führung schafft Klarheit: Wohin richten wir uns aus? Was ist jetzt wirklich wichtig – und was kann warten? Das setzt Prioritäten und schafft einen Rahmen, in dem Teams selbstständiger entscheiden können.
Risiko- und Konfliktfähigkeit
Gute Führung bewertet Risiken bewusst (inkl. der Option „nicht entscheiden“) und macht Spannungen verhandelbar: Positionen anhören, Konflikte sichtbar machen – und trotzdem entscheiden.
Geschwindigkeit als Wettbewerbsfaktor
Erst hier wird Tempo zum harten Erfolgshebel: Märkte bestrafen Langsamkeit, weil Chancenfenster schnell schließen. Ein großer Teil strategischer Gelegenheiten verschwindet innerhalb kurzer Zeiträume – und Nicht-Entscheiden wird damit selbst zur riskanten Entscheidung (verpasste Chancen, verlorene Zeit).
Der Mut zur schnelleren Entscheidung lohnt sich. Forschung zeigt: Schnelle Entscheidungen sind in dynamischen Märkten kein Risiko, sondern ein Vorteil. Organisationen, die zügig entscheiden und nachjustieren können, sichern sich häufiger Marktchancen, reagieren schneller auf Veränderungen und bleiben wettbewerbsfähig. Zögern hingegen kostet Zeit, Optionen und oft Marktanteile (McKinsey Quartely, 2023). Schnelles Entscheiden schafft Klarheit, Orientierung und nutzt Chancen.
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