Kunst im Bürokontext – ein Dialog voller Überraschungen

Der in Berlin lebende Künstler Matthias Bitzer verbindet in seinen Arbeiten Zeichnung, Malerei und Skulptur zu einem Erfahrungsraum, der sich mit Geschichte und Identität auseinandersetzt. Wir haben ihn zu unserer Zusammenarbeit befragt, nachdem er 2022 zahlreiche Kunstwerke und Interventionen in unseren Büroräumen installiert hat.

undconsorten: Lieber Matthias, was passiert, wenn Kunst in einem Büro ausgestellt ist was erzeugt dieser gezielte Eingriff von Künstlern in den Arbeitsbereich?

Matthias Bitzer: Büros sind deutlich auf Funktion ausgelegt. Und tatsächlich verbringt man dort dann relativ viel Zeit bei der Arbeit und auch nebenher. Für mich ist es besonders interessant, über die Psychologie, die Räume nachzudenken, auch um die Menschen wieder aus dem Homeoffice zurück ins Büro zu bringen. Ich will keine Ablenkung installieren oder diese Räume dominieren, sondern versuche, eine Art Szenografie mit reinzudenken, wo es innerhalb der Werke auch einen gewissen Zusammenhang und dadurch auch einen gewissen Ablauf im Raum geben könnte, dem man folgen kann, wenn man das möchte – oder eben auch nicht.

Die Idee, den Arbeitsbereich von seiner Kargheit etwas zu befreien und im besten Fall mit inspirierenden Dingen aufzuladen, das wirkt sich positiv aus auf das Befinden der Menschen, die dort arbeiten.

&co: Wenn man sich ansieht, was du zuletzt in unserem Office am Kurfürstendamm gemacht hast, ist das ja schon wirklich ein Gesamtkunstwerk.

MB: Mit der Bezeichnung kann ich durchaus etwas anfangen. Es gibt ja keinen generellen Lösungen. Ich gehe da ja auch nicht rein wie ein Interior Designer oder so, sondern ich versuche schon, etwas Zusammenhängendes in diese Räume zu implantieren.

&co: Matthias, kannst du Beispiele nennen für Dein Vorgehen? Was hast du dabei gedacht, was in Verbindung mit dem jeweiligen Raum steht?

MB: Ich schaue mir die Räume im Vorfeld natürlich genau an, um erst mal auf die vorhandene Architektur einzugehen. Dann wollte ich unbedingt diese Rotunde, dieses Oval etwas stören und bin daher direkt auf diese dorischen Säulen los. Die waren ja sicher nicht Teil der originalen Architektur. Mit einfachen schwarz-weißen Linien habe ich eine grundsätzliche Struktur hergestellt, die die unterschiedlichen Arbeiten auch raumübergreifend miteinander verbindet, und dann diese Strukturen auch in die Arbeiten selbst hineingebracht.

Dann gibt es diesen Cloud Room. Da lagen ja auch schon Kinderspielsachen usw. drin. Deswegen dachte ich, diesen Raum kann ich etwas aufwirbeln. Die Nutzbarkeit dieses Raumes, so wie er vielleicht vorher in der Neutralität war, wird wahrscheinlich etwas eingeschränkt. Dass das natürlich ein ziemlicher Eingriff in die Arbeitsatmosphäre ist, das war mir schon klar. Aber der Prozess ist ja auch in ständigem Austausch mit Euch passiert. Denn kein Konzept dieser Räume stand irgendwie vorher schon fest. Meine Arbeit webt sich dann schon direkt ein in das Vorgefundene.

&co: Aber du verlässt sich dabei auf Deine Intuition, oder?

MB: Genau. Intuition ist ja auch nichts anderes als die richtigen niedergelegten Erinnerungen und Erfahrungen. Und es gibt schon Merkmale in Räumen, die mich besonders ansprechen. Grundsätzlich versuche ich, wenn ich irgendwo Kunst installiere, die Gewohnheit bei denen, die sich dort laufend bewegen zu unterbrechen. Meine grundsätzliche Hoffnung war, dass da alle damit glücklich sind.

Das verlangt dann schon etwas Empathie. Natürlich kann ich nicht auf die einzelnen Personen eingehen, weil mir die ja meistens nicht bekannt sind. Aber bei Jens [Müller-Oerlinghausen] zum Beispiel, das Messer, das da nur mit der Spitze an einem Magneten an der Decke hängt, das ist natürlich schon speziell für ihn. Das ist so eine Warnung der Zeit.

&co: Sind das Eingriffe gewesen, die man teilweise später erkennt, eher zufällig draufschaut und denkt: Moment mal, da ist doch irgendwas, ist das Kunst, war das vorher schon da?

MB: Also grundsätzlich will ich als Künstler schon ein achtsameres Bewusstsein über unsere Gegenwart verstärken. Und ich halte das für absolut notwendig, um mit dieser von Informationen überfluteten Gegenwart irgendwie klarzukommen. Und dann bietet sich das in solchen Räumen wie Euren Offices an, genau diese erst mal „unnützbaren“ Stellen zu bespielen. Ich könnte mir vorstellen, wenn man sich mit bestimmten Problemen beschäftigt und vielleicht nicht weiterkommt, wenn einem dann plötzlich solche Dinge auffallen, dann hat man vielleicht wieder einen leeren Kopf und dann kann man wieder von Neuem anfangen. 

Die Unterbrechung, die mich auch zum Schmunzeln bringt, finde ich immer eine sehr willkommene Abwechslung im Alltäglichen.

&co: Die Tür zum Durchgang in den hinteren Bereich unseres Offices hat Dichtungen in Zebramuster. Hattest Du da auch die Hände im Spiel?

MB: Da hatte ich auch meine Hände im Spiel. (lacht)

&co: Das ist genial, weil man da dann vielleicht irgendwann stehenbleibt und stutzt. Es ist nicht in-your-face, sondern es ist so subtil, dass es dich quasi verfolgt. Wir haben das vor Monaten wahrgenommen und immer wieder drüber nachgedacht und seither brennt uns die Frage unter den Nägeln.

MB: Wunderbar. Das ist tatsächlich ein Paradebeispiel, bei dem ich genau das provozieren wollte. Du hängst ein Bild an die Wand und dann ist das ganz klar auch ein Fremdkörper. Und manchmal arbeite ich dann eben mit bemalten Rahmen, die ganz gezielt auch so ein Zebramuster haben, um eine Behauptung aufzustellen, dass die Grenze zur Außenwelt und zum Bild hinein sozusagen perforiert wird.

Also die Welt darf genauso in dieses Bild hineinfließen, wie dieses Bild in die Umgebung fließen darf. Teil meiner Absicht ist, dass die Betrachter oder Teilnehmer von so einer Installation genau diese Grenze vielleicht erst mal übersehen, aber sie in der logischen Abfolge irgendwann begreifen. Und dann steht hinter dem alles plötzlich die Behauptung einer Intention.

Und in dem Moment glaube ich, schärft sich unser Bewusstsein. Ganz eventuell lässt sich dieses geschärfte Bewusstsein ja auch aus dem Office mit nach draußen nehmen. Vielleicht erkennt man an anderer Stelle, mit welchen „Verbindungsmitteln“ die Welt manchmal zusammengebastelt ist.

&co: Irritation und Provokation sind ja feste Elemente von Kunst. Weswegen sind das wertvolle Beiträge im Arbeitskontext?

MB: Ich denke, alles was einen gewissen Zweifel kitzelt, hinterlässt irgendwo eine Spur und man betrachtet das Ganze dann wieder anders. So ein kleiner Aufmerksamkeitsverlust kann durchaus auch zu einer neuen Analyse des Gesehenen führen. Und solch ein neuer Prozess des Denkens kann auf alle anderen Prozesse abfärben, die in dem Moment stattfinden.

&co: Also den „Business Case: was bringt mir Kunst für meine Organisation?“ könnte man wie folgt zusammenfassen:

  • Einerseits bin ich glücklicher, weil unser Office schöner ist. Ich gehe gerne ins Büro.
  • Zweite Funktion von Kunst: ab und zu eine kleine Zäsur im Hirn zu setzen, um sich neu auszurichten.
  • Dritte Funktion: geschärfte Wahrnehmung, genauer hinschauen, Achtsamkeit.

Was würdest du noch ergänzen in dieser Liste?

MB: Eine Sensibilisierung für die Umwelt, in der man sich befindet. Marcel Proust sagte einmal sinngemäß: Betrachten Sie mein Werk als eine Art Brille, benutzen Sie sie, tragen Sie sie, und wenn sie Ihnen steht und wenn Sie mehr damit sehen, dann behalten Sie sie doch.

&co: Wie denkst du über uniforme Maßnahmen wie eine Clean Desk-Policy?

MB: Da begebe ich mich jetzt in ein Feld, in dem ich nicht wirklich kompetent bin. Aber mein Grundgefühl wäre, dass man die Clean Desk-Politik als obsolet erklärt und dem Menschen die Möglichkeit einräumt, sich an seinem Arbeitsplatz individuell einzurichten. Wenn das schief geht, kann man es ja wieder ändern. Ich würde nur Kunst und die individuelle Schreibtische nicht unbedingt vermischen. Denn Kunst scheut Demokratie, und das ist auch gut so. Die Kunst sollte vielleicht nicht durch einen Mehrheitsbeschluss ausgesucht werden, während mein Gefühl wäre, den eigenen Arbeitsbereich ruhig individuell einzurichten.

Bei euch wäre es ja durchaus möglich zu sagen: Schaut mal, das ist das Archiv der von uns angekauften Kunst. Vielleicht gibt es da ja Werke, die für bestimmte Mitarbeitende ganz besonders interessant sind, und dann könnten sie sagen: Das hätte ich gerne im Office, wäre das möglich? Wenn eine Firma Interesse hat, sich über so ein Thema auszutauschen, dann wäre das glaube ich eine super Gelegenheit: Auf die Weise rotieren dann auch die Werke innerhalb des Office und das verändert sich dann von ganz allein und alle haben das Gefühl, dass sie daran teilnehmen können.

&co: Also ein verbindendes Element und etwas Teilhabe.

MB: Genau. Und vielleicht auch mal zum Teambuilding. Eben nicht nur einfach zeigen, sondern vielleicht noch kurz erläutern, warum man das gern hätte. Es wäre nicht zum ersten Mal, dass da eine tiptop Diskussion aufgrund von Kunst entsteht.

&co: Hattest du etwa während Deiner Führung hier wiederum irgendwelche Reflexionen über uns, in etwa: Was macht denn deine Ausstellung eigentlich mit uns Beratern?

MB: Ich hatte durchaus das Gefühl, dass alle sehr interessiert sind und dass es auch willkommen geheißen wird. Das hat mich sehr beruhigt, muss ich sagen. Es gab auch gute Fragen, das war wirklich sehr angenehm.

&co: Hattest du bei uns den Eindruck, dass ist ein anderes Publikum als das, welches Du aus dem typischen Galeriekontext kennst?

MB: Schwer zu sagen. Man kann das jetzt nicht mit einem Museum vergleichen. Was auf jeden Fall durchkam, war, dass diejenigen, die an der Führung teilgenommen haben, doch ein weitergehendes Interesse an der Kunst an sich mitbringen und die Gelegenheit, sich mit mir zu unterhalten, auch durchaus wahrgenommen haben.

&co: Bei uns sind Arbeitsbereiche eher nomadisch, also wir wechseln die Räume. Inwiefern kann Kunst dazu beitragen, kurzzeitig heimisch zu werden oder vielleicht heimatliche Gefühle zu erzeugen?

MB: Ich schätze, das ist unmöglich. Also irgendwie bedeutet das ja für jeden, der da arbeitet, etwas anderes.

&co: Naja, einige Leute sitzen bewusst häufig in bestimmten Räumen, und das hat auch mit der Kunst zu tun.

MB: Das wäre natürlich interessant, das mal zu eruieren. Das wäre eine spannende Frage an die Belegschaft. Ich glaube, sobald sich da jemand Gedanken darüber macht, kommen da sehr schnell ein paar Gründe. Und je nachdem, wie dann so eine Befragung ausfällt, kann man sich auch überlegen, ob man die Clean-Desk-Politik nicht vielleicht wieder ein bisschen einschränkt.

&co: Wer hätte gedacht, dass sich Kunst und Geschäft so befruchten können?

MB: Ich finde das auch durch und durch interessant und sehr hilfreich, eure Position dazu zu hören. Das sind wichtige Fragen nach der Relevanz und dem Nutzen von Kunst auch im Arbeitsalltag. Das sind absolut wichtige Fragen für mich. Die Kunst muss sich dahingehend auch öffnen.

Es gibt so viel Kunst, es gibt mittlerweile so viele Märkte, so viele Galerien – was aber wirklich zu kurz kommt, ist ein gesellschaftlicher Auftrag, den Kunst wahrnehmen sollte. Und der muss nicht notwendigerweise politisch oder sonst wie aufgeladen werden. Da geht es einfach auch um so handfeste Fragen wie: Was bringt’s? Wie findet die Kunst ihren Weg auch zum Menschen?

Und die meisten Menschen verbringen die meiste Zeit auf Arbeit. Wenn sich Unternehmen dahingehend öffnen, jemanden wie mich einzuladen – das gibt es ja nicht so häufig, dass da ein Künstler so eine Carte Blanche bekommt –, dann finde ich, ist das auch etwas, das man als Aspekt eines gesellschaftlichen Auftrags sehen kann.

&co: Der Austausch zwischen Dir als Künstler und uns als Nutznießer ist ja ein Prozess, der zugleich bewusst (von Deiner Seite aus) und im Alltag auf unserer Seite eher unterbewusst geführt wird. Wie denkst Du über den Übergang zwischen Bewusstem und Unbewusstem?

MB: Das eine ist da, aber man kriegt es nicht mit, und von dem anderen weiß man, dass es da ist. Das Bewusstsein wächst ja nur, wenn es angesprochen wird, wenn es irgendwelchen Reizen ausgesetzt ist. Wenn Kunst solche Reize liefern kann, dann finde ich das toll.

&co: Vielleicht ist es Bereicherung, dass wir da einen Dialog führen zwischen Bewusstem und Unterbewusstem.

MB: Absolut. Jede Bewusstseinserweiterung, selbst noch die minimalste, ist gut für einen und färbt auch positiv wieder zurück auf das Befinden des Einzelnen. Ich empfinde es als meine Verantwortung, dass diese Spuren, die ich da auslege, auch zu einem logischen Konzept hinführen. Also dass das nicht nur ein kleines störendes Element ist, das dann einfach nur ablenken soll. Wenn man das eine entdeckt, dann fällt einem früher oder später auch ein zweites Objekt auf und ein drittes und viertes. Und dann schließt sich eine Kette.

Dazu gehört zum Beispiel, eben auch an unkonventionellen Orten zu suchen, also auch unkonventionell zu denken. Einfach mal so aus dem Raster raus, die Chance verstellen, den Fokus verstellen. Manchmal steckt man mitten im Chaos und das nur deswegen, weil man entweder zu nah oder zu weit weg steht – und das betrifft ja unsere ganze Wahrnehmung.

&co: Und es ist ja im Grunde eine Übung für Dialog und Zuhören. Wir hören Dir ja zu, ohne dass wir Dich kennen oder ohne, dass wir auch aktiv drüber nachdenken, dass Du dahinter steckst. Es ist ja ein bisschen wie bei einer Flaschenpost: wir lernen – wie du sagst –, Spuren, die du ausgelegt hast, zu lesen, und auch, daran unseren Gedankengang zu schärfen.

MB: Ja, im besten Fall passiert das. Das wäre großartig.

&co: Lieber Matthias, vielen Dank für das spannende Gespräch.

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